Persönlich-Kolumne Mai: Die Kultuhr tickt

«Alles andere als Trockenfutter für Bauspezialisten», schrieb 2002 die NZZ zum ersten Band der Reihe „Baukultur in Zürich“. Und für einmal kann ich der NZZ recht geben und freue mich über deren Lob (dass der NZZ-Verlag die Reihe zusammen mit der Stadt heraus gibt, sei da aber nicht verschwiegen ….). Nun, rund elf Jahre später, habe ich die neunte und letzte Ausgabe vorstellen dürfen, die sich mit den Quartieren Hottingen und Witikon auseinandersetzt. Warum diese Bücher?

In den 80er Jahren zogen die Mitarbeiter/innen der städtischen Denkmalpflege im Auftrag des Stadtrats durch die Zürcher Quartiere und erstellten das «Inventar der kunst- und kulturhistorischen Objekte von kommunaler Bedeutung». Die Stadt lief Gefahr, viele wertvolle Häuser zu verlieren. Die Uhr tickte und kaum jemand kümmerte sich um den Kulturverlust. Das Inventar war und ist eine Sicherung, dass man heute zuerst überlegen muss, bevor etwas abgebrochen wird.

Um diesen Schatz der Baukultur nicht nur zu sichern und auf Beamtenlisten zu schreiben, sondern für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen, haben sich meine Vorgänger/innen entschlossen, diese einmalige Buchreihe zu publizieren. Stadträte/innen sind seitdem gekommen und gegangen, geblieben ist die Arbeit an der «Baukultur in Zürich». Nun liegt das Gesamtwerk vor, in dem auf stattlichen 1634 Seiten rund 7000 Gebäude unserer Stadt vorgestellt werden. Gucken Sie mal in einen Band rein und ich verspreche Ihnen, Sie entdecken sogar in Ihrem Quartier ein paar Häuser, die Sie nicht kennen. Und ich mache mich an einem schönen Wochenende auf die Socken, um mit dem neuesten Band unter dem Arm, schöne Ecken in Hottingen und Witikon zu entdecken.

Die Buchreihe ist abgeschlossen, aber die Baukultuhr läuft weiter. Darum prüfen wir im Moment Gebäude aus den Jahren 1960 bis 1980. Häuser, die wir vielleicht nicht auf den ersten Blick als baukulturell wertvoll bewerten. Aber ich bin sicher, meine Nachnachfolger/innen werden sie in ein paar Jahren so stolz präsentieren dürfen wie ich die aktuelle Buchreihe.

 

André Odermatt, Stadtrat