Nachhaltige Zuwanderung?

Das mediale Interesse an der Zuwanderung samt Drumherum ist ungebrochen. Es vergeht kaum eine Woche ohne neue Statistiken, Interpretationen oder Prognosen zu den Ursachen und Folgen der Zuwanderung in Kanton und Stadt Zürich. Gerne wird in diesem Zusammenhang auch über die Nachhaltigkeit der jüngeren Entwicklung debattiert. Also über die Frage „bleiben die hier?“.

Wie in vielen anderen Politikbereichen leben wir auch beim Thema Zuwanderung sehr im Heute – und vergessen gelegentlich das Gestern und Morgen. Ja, in den letzten Jahren ist Zürich stark gewachsen, und es ist gut möglich, dass dieser Trend noch länger anhält. Aber sind wird nicht zu kurzsichtig, wenn wir die Erfahrungen der letzten Jahre auch als Gewissheit für die Zukunft nehmen?

Zürich ist in seiner Geschichte immer wieder schubweise gewachsen – und dann auch wieder geschrumpft. Anfang der 60er-Jahre zum Beispiel hatte die Stadt mit über 400’000 EinwohnerInnen einige Menschen mehr als heute zu ertragen. Mag sein, dass man sich schon damals die Frage der Nachhaltigkeit gestellt hat – aber das Thema verlor dann plötzlich aufgrund faktischer Abwanderung an Brisanz.

Lebendige Städte sind dynamisch und nicht in allen Belangen steuerbar. Das gilt auch für Zürich – das macht unsere Stadt erst richtig lebendig. Kaum eine Familie ist schon seit mehr als zwei Generationen hier. So fühle ich mich beinahe als Ur-Zürcher, obwohl meine Eltern in den 50er/60er-Jahren aus dem Tessin respektive Brasilien zugewandert sind. Wir können die Entwicklung nicht von einem Tag auf den anderen stoppen – frei nach dem Motto: „Jetzt isch fertig!“.

Selbstverständlich stellt uns die aktuelle Situation – sozusagen Plan A – vor grosse Herausforderungen: Die Zuwanderung muss für alle Beteiligten verträglich gestaltet werden. Vom Arbeitsmarkt über die Wohnungen bis hin zu den Schulen sind Massnahmen gefordert. Wir sollten dabei aber auch Plan B nicht aus den Augen verlieren: Die Wirtschaft ist momentan sehr abhängig von der Zunahme der EinwohnerInnen – so verdanken wir einen Teil unseres Booms etwa dem Bau neuer Wohnungen. Fallen zuwanderungsbedingte Arbeitsplätze eines Tages weg, müssen wir dies durch andere Tätigkeiten kompensieren.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Die Zuwanderung darf auch wieder zurückgehen. Aber komplett sorgenfrei sind wir auch dann nicht. Seien wir gewappnet für Plan A und B.

Raphael Golta